Von Franz Himpsl
Aidenbach. Das Aidenbacher Freilicht-Ensemble hat sich in diesem Sommer einer großen Herausforderung gestellt - und diese bravourös gemeistert. Es ist die Aufführung von Hugo von Hofmannsthals in gebundenen Versen gehaltenem „Jedermann“.
Bei angenehmen abendlichen Temperaturen hat Regisseur Alfons Eder das Stück am Freitag zur Aufführung gebracht. Dabei freute sich der Kultur- und Festspielverein Aidenbach, der die Aufführung organisiert hatte, über mehr als 400 Zuschauer auf der gefüllten Tribüne der Aidenbacher Freilichtbühne. Rund 220 waren es bei einer zweiten Aufführung am Samstag, bei der die Schauspieler tapfer gegen den immer wieder einsetzenden Regen anspielten, während das Publikum unter der Überdachung im Trockenen saß und das Treiben auf der Bühne verfolgte.
Jedermann führt ein unchristliches Leben: Zu großem Reichtum gekommen, vertreibt er seine Zeit mit ausschweifenden Gelagen, großspurigem Gerede und einer unehelichen Liebschaft. Von Bettlern lässt er sich nur erweichen, wenn sich durch sein Einlenken das lästige Geschrei der Notleidenden vermeiden lässt. Denn eines kann er nicht ertragen: die Konfrontation mit dem Leid der Welt. So findet ein großer Verdrängungsprozess statt - an dessen Ende die Einsicht steht, dass einen seine Taten früher oder später einholen.
Und tatsächlich: Gott entsendet - in der Aidenbacher Inszenierung zu den Orgelklängen von Johann Sebastian Bachs Toccata und Fuge in d-Moll - den Tod gen Erde, um Jedermann sein baldiges Sterben zu verkünden. In seiner schwersten Stunde zeigt sich nun die Oberflächlichkeit von Jedermanns Bekanntschaften: Keiner seiner Kumpane, kein Diener, nicht einmal sein Reichtum will ihn zum himmlischen Gericht begleiten.
So bleibt Jedermann nur noch der Glaube. Im Angesicht des Todes wendet er sich dem Christentum zu und erfährt Gnade. Dabei bleibt allerdings zweifelhaft, ob Jedermann am Ende wirklich gelernt hat, was es zu lernen gibt: Dass es nicht reicht, sich an Verträge zu halten und ansonsten das (finanzielle) Maximum für sich herauszuholen, dass das gute Leben sich nicht verwirklichen lässt ohne sich im mindesten für die anderen verantwortlich zu fühlen.
Drei Monate lang hat das Ensemble um Regisseur Alfons Eder geprobt. Eder, der gleichzeitig als Hauptdarsteller fungiert, nimmt man den hedonistisch feiernden wie in Geschäftsdingen kühl kalkulierenden Jedermann zu jeder Zeit ab. Szenenapplaus gibt es für den widerspenstigen Mammon (Heinz Fink jun.) und den Teufel (Günther Renaltner), der im Angesicht der beiden gestrengen Schwestern Glaube (Christina Schütz) und Werke (Uli Schütz) wie ein machtloses Teufelchen wirkt. Insgesamt ist der Aidenbacher „Jedermann“ aber vor allem eine Teamleistung: Die etwa 50 Laiendarsteller haben den langen Beifall am Ende redlich verdient.
Das Tolle an dem „Jedermann“-Stoff sei, sagt Spielleiter Hans Asen, dass er so zeitlos ist: „Der ‚Jedermann’ ist schon vor hundert Jahren aufgeführt worden, und er wird auch noch in hundert Jahren aufgeführt werden.“ Wohl auch, weil der Jedermann-Charakter selbst so zeitlos ist: Ein Mann, der über sein materielles Gewinnstreben das Ideelle aus den Augen verliert - ein wahrer Jedermann eben.
Franz-Josef Seis, Vorsitzender des Kultur- und Festspielvereins, zeigte sich gegenüber dem VA am Sonntag sehr zufrieden mit dem Verlauf der beiden Aufführungen. „Am Samstag standen die Schauspieler im Regen, sie mussten immer wieder nachschminken“, zollt er der großen Leistung der Darsteller auch unter widrigen Umständen Respekt.
Mindestens noch zweimal werden die Aidenbacher den Jedermann aufführen: am 26. Juli in der oberösterreichischen Partnergemeinde Kopfing und am 19. September in Alkofen im Theaterstadl des Schlemmerhofes Schmalzl. Es könnten aber noch mehr Termine werden, denn der Festspielvereinsvorsitzende berichtet von weiteren Anfragen an die Theatertruppe.

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